Ich schlage Ihnen
folgende Wette vor: In einer verdeckten Schale befinden sich zehn Kugeln.
Sechs davon sind grün, vier sind rot. Wenn eine grüne Kugel gezogen wird,
verdopple ich Ihren Einsatz, wenn allerdings eine rote zum Vorschein kommt,
verlieren Sie Ihren Einsatz. Wie viel setzen Sie? Und wie viel setzen Sie
jeweils, wenn wir mehrmals spielen?
Sie überlegen:
Zuerst einmal ist das Spiel - wenn alles mit rechten Dingen zugeht, was hier
vorausgesetzt werden soll - offensichtlich zu Ihren Gunsten. Wenn Sie alles,
was Sie haben setzen, werden Sie allerdings auf lange Sicht trotzdem Pleite
gehen, da irgendwann bestimmt eine rote Kugel gezogen wird. Auf der anderen
Seite: Wenn Sie zu wenig setzen, nutzen Sie nicht die hervorragende Quote
aus, die dieses Spiel bietet.
Untersuchungen
zeigen, dass bei vergleichbaren Spielen selbst promovierte Akademiker zu
einem Drittel auf Dauer verlieren und ein Drittel sogar bankrott geht. Wenn
also selbst die Mehrzahl von intelligenten Menschen bei so einem todsicheren
System langfristig Geld verliert, wie soll es denn erst an der Börse
klappen? Aber vor allem, was macht das verbleibende Drittel richtig?
Diese Frage
stellte sich bereits in den fünfziger Jahren ein junger Angestellter der
legendären Bell-Labs in den USA. Sein Name: John L. Kelly. Der Ausgangpunkt
seiner Untersuchungen war die damals noch sehr junge Informationstheorie von
Claude Shannon, welche bereits rege Anwendung bei
Datenübertragungsalgorithmen fand. Da dies einer der Forschungsschwerpunkte
der Bell Labs war, war Kelly mit dieser Theorie wohl vertraut. Genauso wie
die Informationstheorie sich nicht für den Inhalt der Nachricht, sondern nur
für deren statistische Charakteristika interessiert, genauso baute Kelly
sein System auf: Es war ihm letztlich egal, ob es um Kugelziehen,
Pferdewetten, Black-Jack oder Finanzmärkte ging. Was ihn einzig und allein
interessierte war, wie viel man einsetzten sollte, um seinen Gewinn auf
lange Sicht zu maximieren – unter der Bedingung, dass die Aussichten
letztlich unsicher sind. Und das lässt sich auf fast alles anwenden, denn so
richtig sicher ist ja weniges im Leben.
Seither haben
viele Menschen mit Hilfe dieses Systems Geld verdient: Beim Blackjack, bei
Pferdewetten und über Hedge-Fonds, welche es im Riskomanagement einsetzen.
Der bekannte Wissenschaftsjournalist Poundstone (zwei Pulitzer
Prize-Nominierungen) erzählt damit in diesem Buch die wohl tatsächlich
bisher so „noch nicht erzählte Geschichte des wissenschaftlichen
Wettsystems, welches die Casinos und Wall Street übertrumpfte“ (so der
englische Untertitel). Spannend wie ein guter Roman,
tiefgehend recherchiert und wissenschaftlich fundiert. Da nimmt es kein
Wunder, dass in den USA die Anzahl der Blog-Einträge, welche sich auf den
neuen Poundstone beziehen, explodieren und sich auch bei uns die Artikel zur
Kelly-Formel in der Fachpresse häufen.
Und jetzt wollen Sie bestimmt noch wissen, wie viel man denn
bei der eingangs beschriebenen Wette setzten sollte. Die
Formel selbst wird hier nicht verraten, aber in diesem Fall sind es
jeweils (nur) 20% Ihres zur Verfügung
stehenden Kapitals. Hätten Sie es gewusst? Ich hätte tatsächlich mit Ihnen
wetten sollen!
Chefredakteur Dr. Holger von Jouanne-Diedrich
Diese Rezension erschien in leicht abgewandelter Form am 13. Juni 2008
auch in der Financial Times Deutschland (FTD)