Was zeichnet ein gutes wirtschafts- und gesellschaftsanalytisches Buch aus?
Dass es auch noch über den Tag hinaus mit seinen Analysen trifft und
Strukturen sowie Entwicklungen prägnant erklären kann. In dieser Hinsicht
ist das provokante Buch vom Autorenduo Bard und Söderqvist ein
hervorragendes Stück kritischer Gegenwarts-, aber insbesondere
Zukunftsliteratur.
Die Nagelprobe hat es bereits bestanden, denn die erste Auflage kam schon im
Jahre 2000 heraus. Und wie sich im Laufe der Evolution die besser
angepassten Lebewesen nach und nach ihren Platz in der Erdgeschichte
sicherten, so ist dieses Buch in einer Art kulturellem Überlebenskampf, bei
der bereits viele andere Titel ob ihrer offensichtlich mangelhaften Aussage-
und Erklärungsfähigkeiten auf der Strecke blieben, endlich auch bei uns in
frischer Übersetzung angekommen.
Die Kernthese ist dabei nicht eigentlich neu, jedoch noch nie so analytisch
sauber durchdacht, insbesondere auch zu Ende gedacht sowie so
prägnant formuliert worden. Es geht um eine sich entwickelnde Netzelite, die
so genannten Netokraten. Diese verstehen es, sich in Netzwerken,
insbesondere dem Internet, immer wieder neu so zu organisieren, dass sie
mehr und mehr und am Ende die gesamte Macht an sich reißen. Die neue
Herrschaftsform wird daher auch nach ihnen benannt: Netokratie.
Ihnen gegenüber steht das so genannte Konsumtariat, eine immer mehr von
Verblödung geprägte neue Unterschicht, die als Fast-Food fressende
Coach-Potatoes vor sich hin vegetieren. Alles andere, was täglich über Funk-
und Fernsehen (als Medien von gestern) läuft, ist entweder geschickte
Medieninszenierung, meistens jedoch nicht mehr als unwichtiges Rauschen, in
jedem Falle aber Ablenkung von den tatsächlichen (Macht-)Verhältnissen.
Die Analyse bewegt sich dabei nicht zufällig in der tabuisierten Sozio-Logik
von gesellschaftlichen Schichten, ja sogar Klassen. Beide Autoren, obzwar
klassische Wirtschaftswissenschaftler, nehmen für sich einen marxistischen
Hintergrund in Anspruch. Nun war Marx ja alles andere als dumm und
hatte auf die weitere Entwicklung der Weltgeschichte einen
offensichtlich nicht wegzudiskutierenden Einfluss, d.h. alleine wegen dieses
quer-denkerischen Ansatzes lohnt sich die Lektüre - und sei es auch
nur, um seinen Gegner zu kennen, den es zu widerlegen gilt.
Doch auch wem der
Grundtenor des Buches nicht passen mag, es gibt einen weiteren Grund es zu
lesen: Kein anderes aktuelles Buch zum Thema ist so durchsetzt mit
zutreffenden Kurzanalysen, die Zusammenhänge und Muster aufzeigen, welche so
nirgendwo sonst zu bekommen sind. Was man mit diesen Puzzleteilen anstellt
und welches Bild sie letztlich in Summe ergeben, sollte jeder für sich
selbst entscheiden. Fazit: Ein großer Wurf, aber fangen muss jeder alleine.