Vielleicht ließe sich unsere Zeit ja in dem Titel dieses Buch treffend
zusammenfassen: "ICH". Doch, was ist das eigentlich, das Ich? "In Wahrheit,
wenn dieses große Wort in diesem Zusammenhang überhaupt erlaubt ist, ist ein
jeder von uns, ob Staatsmann oder Straßenbahnschaffner, zu großen Teilen nur
derjenige, der er überzeugt ist, gewesen zu sein.", oder wie Spiegel online
unlängst titelte "Das Leben - eine einzige Erfindung". Ist das Ich also
nichts anderes als eine geschickt gesponnene Illusion?
Dies sind unter anderem die, teils faszinierenden, teils verstörenden Themen
dieses Buches. Während uns also die Antike durch ihr Orakel von Delphi noch
rät "Erkenne Dich selbst!", so bezweifelt die moderne Wissenschaft, ob es so
etwas wie das Selbst überhaupt gibt. Descartes sagt, "Ich denke, also bin
ich", wenn es also kein Ich gäbe, was da denken könne, bin Ich dann also
auch nicht? Und wie sähe es dann mit dem vielbeschworenen freien Willen aus?
Wie alles im Leben, hätte auch dies sein Gutes, etwas Erleichterndes.
Während die Menschen in vergangenen Zeiten in ein mehr oder weniger fest
gefügtes Leben eingebunden waren, scheinen wir in der heutigen Zeit für
alles mögliche verantwortlich zu sein. Wir leben in mehreren, teilweise
schwer zu vereinbarenden Rollen zugleich, z.B. Ehefrau, Mutter,
Karrierefrau, Schwiegertochter, Familienorganisatorin usw. In jeder Rolle
müssen wir glänzen, dürfen nicht versagen. Wenn wir scheitern, sind allein
wir verantwortlich. Der eine oder die andere kann daran zerbrechen.
"Es ist eine Tragikkomödie der Geschichte und das Dilemma der postmodernen
Identität: Da wurde das Ich jahrtausendelang unterdrückt, befreit sich in
langen Kämpfen, macht sich dann auf die Suche nach seinem Selbst und
entdeckt verdutzt, dass es sich einfach nicht entscheiden kann. Manchen
führt das in die Depression." Wenn sich aber dieser ganze Zirkus, der sich
unser Leben nennt, nur als eine Art Rauschen, mehr ein Spiel, also letztlich
als Konstruktion herausstellte, kann dies auch entlastend wirken.
Dies ist nur die gesellschaftspolitische Komponente. Philosophisch wird die
Diskussion von dem international bekannten deutschen Pop-Philosophen Thomas
Metzinger auf die Spitze getrieben. Er behauptet, dass es selbst so etwas
wie Bewusstsein eigentlich gar nicht gibt, und spricht daher
konsequenterweise davon "Niemand zu sein" (Being No One). Nach Sokrates'
"Ich weiß, dass ich nichts weiß.", nun also "Ich weiß, dass ich niemand
bin." Dies bricht offenkundig nicht nur mit der jahrtausende alten
Geistestradition, sondern auch mit der eigenen Erfahrung radikal - und ist
deshalb so interessant und lesenswert.
Am Ende fragt sich, was
denn wird, wenn das Ich bloß Illusion ist. Der Ausblick gibt sich
versöhnlich, so heißt das letzte Kapitel "Die Entdeckung des Wir". Dies
lässt hoffen. Am Ende des Weges zu uns selbst kommen wir also bei den
anderen an. Verpassen Sie nicht diese erkenntnisreiche Reise und lesen Sie
dieses bemerkenswerte Buch.