ephorie.de - Das Management-Portal

NEU - Service für alle ephorie.de-Nutzer - NEU

amazon-Suchbutton jetzt hinzufügen!

amazon-Suchbutton für Ihre Google-Toolbar: Jetzt hinzufügen!

ephorie.de
Das Management-Portal


Inhalt  Suchen  Newsletter  Gewinnspiel  Über uns


     

 


     

^ Ebene höher ^

Exklusiv Interview mit dem Autor von 'Internet-Projektmanagement', Thomas Köhler

ephorie.de: Herr Köhler, in Ihrem neuen Bestseller lassen Sie den Leser alles wissen über erfolgreiches Internet-Projektmanagement. Woran scheitern, aus Ihrer Sicht, Internet-Projekte?

Köhler: Viele Projekte sind in der Vergangenheit daran gescheitert, dass man beispielsweise den Versprechungen der Softwareanbieter blind geglaubt hat, zum Beispiel was die Leistungsfähigkeit einer bestimmten - möglicherweise zu Projektbeginn noch gar nicht fertiggestellten - Software angeht. Derartige Probleme gibt es übrigens noch immer - etwa im derzeit noch deutlich überbesetzten Markt der ContentManagementSystem-Anbieter. Es verwundert deshalb wenig, dass ein wesentliches Trendthema in 2002 die Konsolidierung bestehender Web-Infrastrukturen und -Anwendungen ist. Andere Ursachen für ein Scheitern liegen in der Unerfahrenheit des eingesetzten Personals, genauso auch wie in der Bereitstellung von zu wenig wie - kurioserweise - auch zuviel finanziellen Mitteln. Natürlich scheitern auch viele Projekte am Markt, wenn sich der gehoffte Erfolg nicht einstellen will und die Nutzer ausbleiben. Meist waren hier die für die Planung getroffenen Annahmen zu optimistisch. Ähnliches passiert auch in vielen öffentlichen Internetprojekten - und zwar meist da, wo Investitionen in erster Linie politisch motiviert getätigt werden.

ephorie.de: Sehen Sie einen Teil der Schuld am Platzen der Blase der sogenannten New Economy auch in inadäquatem Internet-Projektmanagement begründet?

Köhler: Sicher. In der Boom-Phase wurden teilweise vollkommen unerfahrene Personen mit großen Projekten in Verbindung mit unerprobten Technologien betraut. Daneben waren Machbarkeitsprüfungen oder Risikomanagement für die meisten Projekte ein Fremdwort.

ephorie.de: Wo sehen Sie die Hauptunterschiede zwischen Internet-Projekten und klassischen IT-Projekten?

Köhler: Der wesentliche Unterschied liegt in der starken Betonung des Frontends. Je nach Projekt und Unternehmensorganisation steht bei Internetprojekten sehr häufig der Marketingaspekt im Vordergrund. Die Konsequenz: Über Technik wird nicht geredet, oder sie wird als notwendiges Übel betrachtet. In der Planungsphase werden daher häufig Fehler gemacht, die dann später dazu führen, dass die Systemperformanz nicht stimmt oder die Lösung sich als unwartbar erweist.

ephorie.de: Sie beschreiben in Ihrem Buch sehr schön die Phasen eines Projektes von der Konzeptphase über die Designphase bis zur Implementierung und schließlich Inbetriebnahme. Ist das Internet nicht viel zu schnelllebig für diesen klassischen Aufbau?

Köhler: Ich halte das skizzierte Phasenmodell für EINEN Weg mit Internetprojekten und deren besonderen Anforderungen klarzukommen. Dieses Thema ist jedoch in der Branche umstritten. Aktuelle Ansätze, die nach Art der Xtreme-Programming-Diskussionen die Anforderungserhebung zu Projektbeginn minimieren wollen, führen zu unkalkulierbaren Risiken für die meist auf Festpreisbasis arbeitenden Dienstleister. Es führt meines Erachtens kein Weg vorbei an der gründlichen Erhebung der Projektanforderungen in Verbindung mit klar definierten Absprachen für die später meist unvermeidlichen Änderungen. Die meines Erachtens adäquate Reaktion auf die sich noch immer schnell drehende Internet-Welt ist die Zerlegung von Projekten in sinnvolle Teilprojekte, d.h. weg von der Idee alle Anforderungen in einem allumfassenden Gesamtprojekt mit einem Vorlauf von 12 Monaten und mehr lösen zu wollen - hin zu einem schnellen Start und einem späteren Ausbau des Systems - natürlich immer mit Blick auf ein strategisches Ziel. Es kann dabei durchaus auch sinnvoll sein, eine erste schnelle Realisierung mit einfachen Mitteln zu wagen und das so generierte temporäre System nach Implementierung der Gesamtlösung wieder abzuschalten.

ephorie.de: Was ist die richtige Balance zwischen theoretischen Projektmanagement-Techniken und flexiblem Abweichen von diesen?

Köhler: Die findet man meines Erachtens nur durch Erfahrung. Neben der Projektgröße ist ein wesentlicher Einflussfaktor dabei auch der Kunde, egal ob externer oder interner. Im Zweifelsfall sollten eher etwas zuviel als zu wenig Formalismen angewandt werden.

ephorie.de: Gibt es Projektmanagement-Qualitäten, die man - auch mit dem besten Buch - nicht lernen kann und wie kritisch sind diese?

Köhler: Menschliche Kompetenzen und den richtigen Umgang mit einer manchmal auch menschlich schwierigen Mischung von Personen und Persönlichkeiten im Team.

ephorie.de: Zunehmend werden, gerade in Internet-Projekten, Teams international besetzt. Können Sie hierzu einige praktische Ratschläge zur Sicherstellung des Erfolgs geben?

Köhler: Gerade bei internationalen Teams ist die Erarbeitung einer gemeinsamen Basis wesentlich. Die Führungsrolle im Projekt muss klar definiert sein. Sind in solchen Fällen räumliche Differenzen mit im Spiel, so steigt die Gefahr des "Aneinander-vorbei-Redens" beziehungsweise - schlimmer noch - des "Aneinander-vorbei-Produzierens". Wäre dem nicht so, so wären sicher die Erstellung von Internetdienstleistungen fest in der Hand indischer oder osteuropäischer Entwickler.

ephorie.de: Sehen Sie Unterschiede zwischen 'klassischen' e-Business und 'neuen' m-Business-Projekten? Wenn ja, welche?

Köhler: Entscheidender Faktor für m-Business-Projekte ist die Sicherung der Reichweite. Zumindest derzeitige m-Business-Endanwender nutzen praktisch ausschließlich Funktionalitäten, die Ihnen über das jeweilige mobile Portal - meist vom Netzbetreiber - angeboten werden. Alle anderen Angebote werden kaum wahrgenommen - ganz einfach weil die Eingabe der Adresse viel zu kompliziert ist.

Natürlich kann man bei einem hinreichend großen Projekt auch die Reichweitenschaffung gleich mitberücksichtigen: So haben wir bei der Entwicklung einer WAP-Anwendung für einen mehrere hunderttausend Mitglieder starken Verband zusammen mit einem Mobilfunkbetreiber für das WAP-Portal sogar ein eigenes Handypaket - Endgerät plus vergünstigter Vertrag - kreiert bei dem das Portal bereits als Voreinstellung vorgesehen ist und damit für die Anwender voll verwendbar.

ephorie.de: Herr Köhler, was ist Ihr nächstes Projekt?

Köhler: Persönlich involviert bin ich derzeit in ein Projekt zur Konsolidierung des Internetbereichs bei einem großen Finanzdienstleistungsunternehmen. Außerdem arbeite ich inhaltlich an einem Markforschungsprojekt für ein großes Telco-Unternehmen. Aber auch ein neues Buchprojekt ist im Vorlauf, während ich für den Herbst TV-Sendung für "eBusiness-Projektmanagement" vorplane.

ephorie.de: Herr Köhler, wir danken Ihnen für das Interview.

Das Interview wurde geführt von Holger von Jouanne-Diedrich, Chefredakteur

Zurück zum Special: 'Internet-Projektmanagement'