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Der Weg zum Glück

aus Häring/Storbeck: Ökonomie 2.0
 

Die Situation ist paradox: Um fast 40 Prozent ist das reale Pro- Kopf-Einkommen der US-Bürger zwischen 1975 und 1995 gestiegen – glücklicher aber sind die Amerikaner in dieser Zeit nicht geworden. Trotz Plasmafernseher, Playstation und Dritt- Auto sind die Menschen in den Vereinigten Staaten mit ihrem Leben keinen Deut zufriedener als vor drei Jahrzehnten. In allen Industrieländern verhält es sich ähnlich: Die heutige Generation ist sehr viel reicher als die ihrer Eltern und Großeltern. Mit ihrem Leben zufriedener sind die Menschen aber nicht.

Schon 1974 hat der US-Ökonom Richard Easterlin zum ersten Mal auf dieses Phänomen hingewiesen – die Beobachtung ist als das »Easterlin-Paradox« in die wirtschaftswissenschaftliche Literatur eingegangen. Aber wie lässt es sich erklären? Jahrelang hat die traditionelle Ökonomie um diese Frage einen großen Bogen gemacht. Denn dieser Befund trifft sie letztlich ins Mark.

Traditionelle Ökonomen gehen schließlich davon aus, dass wir Menschen unseren Nutzen maximieren – und dass dieser umso größer ist, je mehr Geld wir haben. Wenn das so wäre, dann müsste aber eine Generation, deren Einkommen und Vermögen doppelt so hoch ist wie das ihrer Eltern, mit ihrem Leben auch merklich zufriedener sein.

Ist sie aber eben nicht. Nur in armen Ländern verbessert sich mit steigendem Einkommen die allgemeine Lebenszufriedenheit der Menschen. Aber wenn das elementare Existenzminimum erst einmal gesichert ist, löst sich dieser Zusammenhang schnell auf.

Warum das so ist, untersuchen mittlerweile immer mehr Wirtschaftswissenschaftler. Die »Erforschung der Determinanten menschlicher Zufriedenheit« ist eine der am stärksten boomenden Sub-Disziplinen der vergangenen Jahre. Seit 1994 sind im Schnitt pro Jahr 35 Aufsätze in ökonomischen Fachzeitschriften erschienen, die Glück oder Lebenszufriedenheit im Titel führten, hat der britische »Glücks-Ökonom« Andrew Clark ermittelt.

Das Easterlin-Paradox ist inzwischen – vor allem dank der Arbeit der Glücksökonomen – weitgehend entschlüsselt. Sie haben nachgewiesen, was außerhalb der Ökonomenzunft viele nicht wirklich überraschen wird: Das absolute Einkommen, das die traditionelle Ökonomie als allein maßgeblich betrachtet, ist für die Lebenszufriedenheit zwar nicht ganz unwichtig, verblasst aber gegenüber anderen Faktoren. Die meisten Menschen interessieren sich vor allem dafür, wie sie selbst im Vergleich zu ihren Mitmenschen dastehen – der relative Status ist wichtiger als die absolute Einkommensposition. Ein berühmtes Experiment macht den Mechanismus deutlich: Studenten der Harvard-Universität wurden gefragt, in welcher Welt sie lieber leben würden – in einer, in der sie selbst 50 000 Dollar und alle anderen halb so viel verdienen – oder in einer, in der sie bei gleicher Kaufkraft selbst 100 000 Dollar erhalten, alle anderen aber doppelt so viel.

Die weitaus meisten wählten die erste Variante – obwohl sie sich eigentlich mit der zweiten Alternative deutlich besser stellen würden. Denn mit einem doppelt so hohen Einkommen haben sie bei identischem Preisniveau deutlich mehr Konsummöglichkeiten. Doch oberhalb eines Existenzminimums ist Geld für uns nicht in erster Linie wegen der Dinge wichtig, die wir uns dafür kaufen können – sondern weil es direkt und indirekt unseren Status in der Gesellschaft bestimmt.

Daraus folgt: Wenn meine Mitmenschen mehr verdienen, mein eigenes Einkommen aber nicht steigt, dann werde ich unzufriedener, denn ich verliere das an Status, was meine Mitmenschen an Status gewinnen. Gesamtwirtschaftlich ist steigender Lebensstandard also ein großes Nullsummenspiel: Wenn eine ganze Nation wohlhabender wird, wird jeder Einzelne relativ zu seinen Landsleuten keineswegs reicher.

Andererseits brauchen wir Menschen für unsere Zufriedenheit ein stetig steigendes Einkommen, unabhängig von dessen Höhe. Stillstand wird als Rückschritt empfunden. Denn der Mensch gewöhnt sich an alles – auch an einen höheren Lebensstandard. Wenn unser Einkommen steigt, wachsen unsere Ansprüche und Ziele quasi mit. Dies vermutete Easterlin schon 1974, konnte es damals aber zunächst nicht belegen. Inzwischen haben es Psychologen und Glücksökonomen aber nachgewiesen: Von dem positiven Effekt, den eine Einkommenserhöhung auf die Lebenszufriedenheit hat, ist nach wenigen Jahren nicht einmal mehr die Hälfte übrig.

Obwohl uns mehr Geld nicht wirklich glücklich macht, stellen wir es in unserem Leben in den Vordergrund – und handeln uns damit glücksfeindliche Übel ein. Wir arbeiten zu viel und haben dadurch zu wenig Zeit für Freunde und Familie – hohe Scheidungsraten sind nur eine Folge davon. Die negativen Begleiterscheinungen der Leistungsgesellschaft haben in den Industrieländern einen guten Teil dessen, was das Einkommenswachstum für sich genommen an zusätzlicher Lebenszufriedenheit hätte bringen können, zunichte gemacht.

Denn Glücks-Ökonomen wissen inzwischen: Psychische Krankheiten, Ehescheidung und mangelnde soziale Kontakte gehören zu den wichtigsten Glückskillern. Eine intakte Familie, Freunde, nette Kollegen und ein hohes Maß an Selbstbestimmung und Anerkennung am Arbeitsplatz haben den gleichen positiven Einfluss auf die Lebenszufriedenheit wie riesige Unterschiede oder Veränderungen im Einkommen.

Auch Arbeitslosigkeit macht unglücklich – allerdings nicht in erster Linie, weil Menschen ohne Job weniger Geld zur Verfügung haben. Viel stärker leidet die Lebensqualität, weil sich Arbeitslose ausgegrenzt fühlen und ihre Selbstachtung leidet. Wer die deutsche Beschäftigungsmisere vor allem als eine Frage des Einkommens und der finanziellen Anreize sieht, unterschätzt das Problem und blendet wichtige Aspekte aus. So machen sich auch Menschen, die selbst noch einen Job haben, bei steigenden Beschäftigungsproblemen ebenfalls immer mehr Sorgen um ihren Arbeitsplatz. Und dieser Angstfaktor ist erheblich, hat der britische Ökonom Andrew Oswald festgestellt. Wenn die Arbeitslosenquote um 1,5 Prozentpunkte steigt, müsste man jedem Bürger – nicht nur den Arbeitslosen! – fast 400 Euro zahlen, um die höhere Arbeitsplatzunsicherheit zu kompensieren. In Europa fühlen sich Beschäftigte zudem mit den Arbeitslosen solidarisch. Soziale Ungleichheit schmälert hier zu Lande daher das Wohlbefinden der Menschen – in den USA nicht.

Auf den ersten Blick überraschend ist der Befund, dass Arbeitslose in Gegenden mit sehr hoher Arbeitslosigkeit weniger unzufrieden sind, als in Gegenden, wo die Arbeitslosenquote niedrig ist. Nach der traditionellen ökonomischen Sicht sollte es umgekehrt sein. Denn eine niedrigere Arbeitslosenquote bedeutet, dass man bessere Aussichten hat, wieder einen Job zu finden. Legt man die engen Annahmen der traditionellen Ökonomie beiseite, ist es nicht mehr so überraschend. Wenn es in einer Gegend ganz normal ist, arbeitslos zu sein ist, dann ist Arbeitslosigkeit kein Stigma – und man findet man problemlos arbeitslose Freunde, mit denen man den Tag verbringen kann.

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