ephorie.de - Das Management-Portal

NEU - Service für alle ephorie.de-Nutzer - NEU

amazon-Suchbutton jetzt hinzufügen!

amazon-Suchbutton für Ihre Google-Toolbar: Jetzt hinzufügen!

ephorie.de
Das Management-Portal


Inhalt  Suchen  Newsletter  Gewinnspiel  Über uns


     

 


     

^ Ebene höher ^

"Ökonomie ist wie Sex"

exklusiv-Interview mit Dr. Norbert Häring und Olaf Storbeck, getAbstract Wirtschaftsbuchpreisträger 2007

 

ephorie.de: Herr Dr. Häring, Herr Storbeck, zuerst noch einmal herzlichen Glückwunsch zum getAbstract Wirtschaftsbuchpreis für Ihr Buch „Ökonomie 2.0“. Wie erklären Sie sich das aktuell große Interesse an der doch eigentlich als trocken geltenden Volkswirtschaftslehre?

Häring: Einer meiner Lehrer, der Saarbrücker VWL-Professor Rudolf Richter, sagte gerne: „Ökonomie ist wie Sex. Das lernt man nicht und kann es trotzdem.“ Ich glaube immer mehr Leute merken, dass Ökonomie etwas ist, was sie im Kleinen wie im Großen ständig beschäftigt. Sie nehmen es den Professoren nicht mehr ab, dass das etwas ist, womit sich nur Fachleute auskennen können.

Storbeck: Das Interesse an ökonomischen Themen ist da – man muss nur den Mut haben, die Dinge ohne Fachchinesisch darzustellen. Daran mangelt es gerade im deutschsprachigen Raum nach wie vor, deshalb kommt unser Buch so gut an.

ephorie.de: Ihr Buch macht an vielen Beispielen deutlich, dass man ökonomische Phänomene auf sehr unterschiedliche Weisen deuten kann. Allerdings kann dabei ja eigentlich immer nur eine Erklärung stimmen. Befinden sich die Wirtschaftswissenschaften nach wie vor in der Findungsphase oder liegt es an der Natur des Untersuchungsgegenstandes?

Norbert HäringStorbeck: Die Ökonomie ist wissenschaftlich durchaus erwachsen geworden. Aber die Welt ist in vielen Fällen nicht schwarz oder weiß, sondern grau. Auf viele sozialwissenschaftliche Fragen gibt es keine einfachen und erst recht keine ewig gültigen Antworten. Jede wissenschaftliche Erkenntnis ist mit Unsicherheit behaftet, ob es uns gefällt oder nicht. Wer die eine Wahrheit verspricht, die eine sichere Erklärung für ein Phänomen präsentiert, der führt sein Publikum fast immer in die Irre.

ephorie.de: Sie stellen in Ihrem Buch unter anderem Forschungsergebnisse der so genannten Glücksökonomie vor, welche im Kern besagt, dass ab einem bestimmten Niveau Geld nicht glücklicher macht (AuszugGlücksökonomie). Ist die Konsequenz, dass jeder von uns zufrieden mit dem Erreichten sein sollte oder spricht es politisch eher dafür, dass wir stärker umverteilen müssen, damit alle dieses Glücksniveau erreichen?

Häring: Die Ökonomie kann weltanschauliche Differenzen nicht auflösen. Viele Volkswirte tun so, als seien ihre wirtschaftspolitischen Empfehlungen zwangsläufiges Ergebnis ihrer wissenschaftlichen Erkenntnisse. Dabei sind es im Kern Ausflüsse ihrer Werturteile. Das gilt auch für die Glückökonomie. Man kann aus ihren Ergebnissen schließen, dass man den Reichen ruhig Geld wegnehmen und es den Armen geben kann. Man kann auch daraus schließen, dass das die Armen langfristig auch nicht glücklich macht. Beides geht. Man darf von keiner ökonomischen Richtung verlangen, dass die philosophische und weltanschauliche Fragen klärt. Ihr Reiz und ihr Verdienst liegt vor allem darin, dass sie dazu beiträgt, die Ökonomie methodisch wieder näher an die wirklichen Menschen zu bringen.

Storbeck: Meiner Ansicht nach ist die wichtigste Schlussfolgerung aus den Ergebnissen der Glücksökonomie, dass wir Menschen Geld nicht zu sehr in den Mittelpunkt unseres Lebens stellen sollten. Oberhalb eines gewissen Existenzminimums sind Dinge wie Freizeit und Freundschaften für unsere Lebenszufriedenheit auf Dauer viel wichtiger als ein gut gefülltes Bankkonto.

ephorie.de: Daran anschließend: Die Mindestlohndebatte ist im Moment eines der heiß diskutierten Themen. Dabei wird immer wieder behauptet, dass Mindestlöhne Arbeitsplätze vernichten. Was sagt die Forschung dazu?

Storbeck: Die Ergebnisse sind längst nicht so eindeutig negativ, wie die meisten Ökonomen in Deutschland der Öffentlichkeit suggerieren.  Die einfache Gleichung „Mindestlohn = Jobverluste“ ist wissenschaftlich nicht haltbar. Für die USA gibt es keine eindeutigen Belege, dass der dortige Mindestlohn Arbeitsplätze vernichtet hat. Es gibt sogar eine berühmte Studie, die zeigt, dass ein Mindestlohn in einer davon stark betroffenen Branche, nämlich dem Fast-Food-Gewerbe, zu mehr Beschäftigung geführt hat. Für Großbritannien hat die renommierte London School of Economics bislang keine nennenswerten Job-Verluste durch den Mindestlohn festgestellt. Übrigens ist dort in den vom Mindestlohn besonders betroffenen Branchen auch nicht die Zahl der Unternehmenspleiten gestiegen – der einzige bislang sicher festzustellende Effekt war, dass die Gewinne der Unternehmen kleiner ausgefallen sind. Natürlich kann man in Frage stellen, in wieweit diese Ergebnisse auf Deutschland übertragbar sind, schließlich haben wir ganz andere Arbeitsmarkt-Institutionen aus die Amerikaner und die Briten. Und viel hängt natürlich von der Höhe des Mindestlohns ab – dass zu hohe Mindestlöhne Jobs vernichten, ist vollkommen unbestritten.

Häring: Wenn man die wirtschaftspolitische Diskussion in Deutschland verfolgt, bekommt man den Eindruck, dass alle, die etwas von Wirtschaft verstehen, Mindestlöhne für Teufelszeug halten, das nur linke Populisten gut heißen können. Die meisten OECD-Länder haben Mindestlöhne. Wenn sie wirklich so verheerende Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt hätten, wie die deutschen „Experten“ uns glauben machen wollen, dann müssten sie bei dieser Datenlage klare Belege beibringen können. Das können sie nicht. Wenn es arbeitsmarktpolitische Nachteile gibt, sind sie so moderat, dass man sie guten Gewissens mit den erhofften Vorteilen abwägen kann. Das Für und Wider als Wettstreit zwischen ökonomischer Vernunft und Populismus darzustellen ist für mich ein anrüchiger Trick oder einfach nur arrogant. Nicht umsonst gibt es in unserem Buch einen Beitrag dazu, dass Ökonomen andere Wertmaßstäbe haben als normale Menschen. Man sollte ihnen nicht durchgehen lassen, dass sie das als höheren Sachverstand umdeuten.

ephorie.de: Umgekehrt bewegen Gehaltsexzesse in den Führungsetagen die Gemüter. Hier wird gerne mit Hinweis auf die vermeintliche „Neidgesellschaft“ gekontert. Handelt es sich um eine gesellschaftlich notwendige Gerechtigkeits- und Verteilungsdiskussion?

Häring: Unbedingt. Wenn Vorstandschefs sich selbst zigmillionenschwere leistungslose Einkommen zubilligen, dann verlieren die Menschen das Vertrauen daran, dass es in unserem Wirtschaftssystem im Großen und Ganzen fair zugeht. Dieses Vertrauen ist außerordentlich wichtig für die Wirtschaft. Das hat in letzter Zeit eine ganze Reihe von ökonomischen Studien gezeigt.Olaf Storbeck

Storbeck: Ich halte im Zusammenhang mit der Höhe von Manager-Vergütungen eine andere Frage für spannender: Nützen die hohen Gehälter für Führungskräfte den Eigentümern oder nicht? Wenn man diese Frage mit „ja“ beantwortet, sehe ich das gelassen. Allerdings gibt es eine Reihe von Studien, die genau das in Frage stellen und darauf hindeuten, dass die extrem hohen Vergütungen von Top-Managern in keinem Verhältnis zu ihren Leistungen stehen.

ephorie.de: Ein weiterhin nach wie vor kontrovers diskutiertes Thema betrifft die Globalisierung. Auf der einen Seite wird ihr angelastet, die Armen immer ärmer zu machen, auf der anderen Seite haben wir als ja eigentlich reiche Nation immer mehr Angst vor vermeintlicher Billigkonkurrenz aus dem Osten. Kennt die Globalisierung nur Verlierer?

Storbeck: Auf keinen Fall! Sowohl die Entwicklungsländer als auch die Industrienationen gehören alles in allem klar zu den Gewinnern der Globalisierung. So ist die Zahl der sehr armen Menschen in der „Dritten Welt“ seit den siebziger Jahren drastisch zurückgegangen – aber nur in den Ländern, die sich für die Globalisierung geöffnet haben. Und in den Industrieländern beschert die Globalisierung den Menschen vor allem mehr, bessere und preiswertere Produkte. Natürlich gibt es auch Verlierer, vor allem niedrig qualifizierte Industriearbeiter in den hoch entwickelten Staaten. Denen sollte die Politik helfen. Allerdings bitte nicht durch den Versuch, die Globalisierung zurückzudrehen – das hilft keinem und schadet auch allen anderen.

ephorie.de: Sie haben in Ihrem Buch ein eigenes Kapitel über die Finanzmärkte. Was ist die Botschaft?

Häring: In unserem Buchkapitel geht es vor allem darum, wie die meisten Investoren sich einbilden, sie könnten die Gewinner herauspicken, und wie viele Analysten dafür bezahlt werden, so tun als könnten sie es. Bescheidenheit ist das A und O beim Investieren. Aber auch wenn man keine Überheblichkeitsfehler macht, fällt man manchmal auf die Nase. Ohne Risiko gibt es nur bescheidene Erträge. Auch gut kalkuliertes Risiko bleibt ein Risiko.

ephorie.de: Überhaupt schließen Sie das Buch mit einem Hinweis auf die Fallstricke der Statistik. Plädieren Sie für eine mehr qualitativ orientierte Forschung?

Storbeck: Nein. Diese Schlussfolgerung wäre so ähnlich, als würde man mit dem Verweis auf die Verkehrstoten ein generelles Verbot des Autofahrens fordern. Dass Ökonomen heute viel stärker als noch vor 20 oder 30 Jahren mathematische und statistische Methoden nutzen, sehe ich  uneingeschränkt als Fortschritt. Erst dadurch, dass Ökonomen heute eher Daten als Dogmen im Sinn haben, wurde es möglich, dass das Fach näher an die Probleme des wirklichen Lebens heranrückte. Aber natürlich kann man statistische Methoden - so wie jede andere sinnvolle Erfindung auch – missbrauchen. Darauf wollen wir unsere Leser aufmerksam machen. Denn niemand sollte die Erkenntnisse moderner Ökonomen unkritisch übernehmen.

Häring: Ich sehe das genau so. Wir bemühen uns, unseren Lesern ein Gespür zu vermitteln, was statistischer Hokuspokus ist, und was ernsthafte Analyse. Es hilft zum Beispiel, sich die Frage zu stellen: Glaube ich dem Autor, dass er erst die Frage gestellt hat, und dann anhand der passenden Zahlen nach den Antworten gesucht hat? Oder sieht es eher so aus, als hätte er erst die Zahlen analysiert und danach entschieden, welche Frage er spektakulär beantworten kann? Im letzten Fall sollte man nicht viel auf die Studie geben. Dann ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass es sich um Zufallsergebnisse handelt.

ephorie.de: Prognosen sind zwar immer mit Vorsicht zu genießen, wir fragen aber trotzdem: Es scheinen aktuell große Risiken in der Weltwirtschaft zu stecken. Wie geht es Ihrer Meinung nach weiter?

Storbeck: Ich persönlich glaube nicht, dass wir eine weltweite Rezession erleben werden. Aber bitte bewerten Sie diese Einschätzung nicht über: Ich bin für eine solche Prognose genauso qualifiziert wie Ihr nächster Taxifahrer.

Häring: Ich bin zwar kein Taxifahrer, aber ich traue mir schon ein fundiertes Urteil zu. Die Studien, die wir ausgewertet haben, zeigen überzeugend, dass die Handelsungleichgewichte in der Welt lösbar sind und auch gelöst werden. Was kurzfristige Konjunkturprobleme angeht, so hat die US-Notenbank die Macht und den Willen, alles Nötige zu tun, um eine schwere Rezession zu verhindern.

ephorie.de: Zum Abschluss: Planen Sie schon für eine Fortsetzung „Ökonomie 3.0“?

Häring: Wir verfolgen die moderne ökonomische Forschung weiter mit Faszination. Mit jedem Scheck von unserem Verleger und jeder neuen Verkaufszahl wächst unsere Begeisterung. Ich denke, an dieser Begeisterung sollten wir unsere Leser noch einmal teilhaben lassen.

Storbeck: Bis dahin empfehlen wir den Ökonomie-Newsletter des Handelsblatts, mit dem wir einmal pro Woche über aktuelle Forschungstrends aus VWL und BWL informieren. Unter www.handelsblatt.com/newsletter kann man den Newsletter kostenlos abonnieren.

ephorie.de: Herr Dr. Häring, Herr Storbeck, wir bedanken uns für dieses Interview.

Das Interview führte Holger von Jouanne-Diedrich, Chefredakteur

Zurück zum Special Ökonomie 2.0