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Mister General Motors: Alfred Sloan

(Auszug: S. 338-340, Drucker schildert hier, wie er den "Management-Boom" ausgelöst hat.)

Weder Brown noch ich hatten zunächst daran gedacht, aus meiner Untersuchung ein Buch zu machen. Doch nach meinen ersten Begegnungen mit seinen Mitarbeitern ging ich eines Tages zu ihm und sagte: »Ihre Kollegen verstehen nicht so recht, was Sie eigentlich von mir wollen, und sehen nicht viel Sinn darin. Aber so ziemlich alle waren sich darin einig, dass ein Buch über General Motors eine ziemlich gute Sache wäre. Warum können wir ihnen nicht einfach sagen, dass genau dies unsere Absicht ist? Später können Sie die Veröffentlichung immer noch ablehnen.« »Ich habe meine Mitarbeiter noch nie angelogen«, antwortete Brown daraufhin, »und ich sehe keinen Grund, jetzt damit anzufangen. Ich glaube auch nicht, dass Sie einen Verleger finden werden – ich kann mir einfach nicht vorstellen, dass irgendjemand sich für ein Buch über Management interessieren könnte. Aber falls es dem Projekt dienlich ist, wenn Sie meinen Mitarbeitern erzählen, dass Sie ein Buch schreiben, dann schreiben Sie eben eins. Und was unser Vetorecht bezüglich der Veröffentlichung angeht, so kann ich nur sagen, dass ich nicht die geringste Absicht habe, mich zu einem Zensoren zu erheben. Wir sind natürlich im Rahmen unserer Regierungsverträge verpflichtet, dafür zu sorgen, dass Sie keinerlei Rüstungsgeheimnisse veröffentlichen – schließlich sind wir der größte Rüstungsfabrikant dieses Landes. Und wir werden Sie natürlich auf mögliche Datenfehler aufmerksam machen. Das ist aber auch alles.« Und das war tatsächlich alles. Weder Brown noch irgendjemand anders versuchte, mir vorzuschreiben, was ich schreiben oder nicht schreiben sollte, selbst wenn unsere Ansichten stark divergierten.

Ich konnte Browns Skepsis über die Verkäuflichkeit eines solchen Buches nur teilen. Und meinem Verleger erging es ebenso. Denn die wenigen Bücher über Management, die es überhaupt gab, waren weitgehend für kleine, spezielle Leserkreise veröffentlicht worden: Entweder handelte es sich um Abdrucke von Vorlesungen, wie beispielsweise bei Chester Barnards 1938 erschienenem Buch The Functions of the Executive, oder um Monografien für kleine gelehrte Gesellschaften, wie beispielsweise Mary Parker Folletts bahnbrechende Artikel über Führung und Konfliktlösung. Es schien fast so, als gäbe es für ein Buch über Management überhaupt kein adäquates Publikum; denn die meisten Manager waren sich gar nicht im Klaren darüber, dass sie Führungsaufgaben ausführten. Die allgemeine Öffentlichkeit interessierte sich vielleicht dafür, wie die Reichen ihr Geld machten, hatte jedoch noch nie etwas von Management gehört. Insofern schien ein Buch über so »esoterische« Themen wie Organisation und Struktur, wie die Entwicklung von Managern und die Rolle des Meisters und mittleren Managers von vornherein ein aussichtsloses Unterfangen zu sein.

Der einzige meiner Freunde, der die Situation anders einschätzte, war Lewis Jones, der Ökonom und damals Präsident des Bennington-College war. Ich musste ihn natürlich von meinem Projekt mit General Motors in Kenntnis setzen. Lewis war sofort Feuer und Flamme. »Dies ist genau die Arbeit, die Sie jetzt machen müssen«, sagte er, »das Buch wird sicher ein voller Erfolg werden.« Und er hatte Recht. Concept of the Corporation fand direkt nach seiner Veröffentlichung ungeheuren Anklang, erlebte viele Neuauflagen und wird immer noch gekauft, gelesen und angewendet. Jones war sich allerdings nicht ganz sicher, ob ich die Arbeit wirklich veröffentlichen sollte. »Sie stehen jetzt am Anfang einer überaus viel versprechenden Karriere als Ökonom oder als Staatswissenschaftler. Und ein Buch über ein Wirtschaftsunternehmen, das dieses als politische und soziale Institution darstellt, wird Ihnen in beiden Gebieten schaden.« Auch in diesem Punkt hatte Jones Recht. Als das Buch herauskam, wussten weder Ökonomen noch Staatswissenschaftler, was sie davon halten sollten, und die Vertreter beider Fächer sind mir seither mit großem Argwohn begegnet. So war beispielsweise der Rezensent des American Economic Review offenbar verblüfft, dass man ein Buch über das Unternehmen schreiben konnte, das nicht »mikroökonomisch« war, und bemängelte, dass es keinerlei Aussagen über die Preistheorie oder die Allokation der knappen Ressourcen machte. Und der überaus verständisvolle Rezensent des American Political Science Review endete mit den Worten: »Man kann nur hoffen, dass dieser viel versprechende junge Gelehrte seine nicht unbeträchtlichen Talente schon bald einem etwas ernsthafteren Thema widmet.« Eine andere Reaktion bestand darin, dass ich bei der nächsten Zusammenkunft der American Political Science Association nicht mehr in den Ausschuss für staatswissenschaftliche Forschung gewählt wurde. Selbst heute sind zahlreiche Ökonomen in der 339 Regel nicht bereit, das Wirtschaftsunternehmen anders als unter dem rein ökonomischen Aspekt zu betrachten, und die Staatswissenschaftler beschränken sich nach wie vor weitgehend auf offensichtlich »staatliche« Institutionen und den »politischen Prozess« des Staates.

Ein wichtiger Effekt dieses Buches bestand jedoch darin, dass es Management als wissenschaftliche Disziplin etablieren half – wohingegen dies Gebiet zuvor weder bekannt noch gelehrt worden war. Im Grunde setzte Concept of the Corporation mehr oder weniger unbeabsichtigt den »Management-Boom« der letzten dreißig Jahre in Gang. Dies war natürlich weitgehend Glück, ich war rein zufällig der Erste. Aber fest steht, dass die wichtigsten Probleme der Managementdisziplin: Organisation und soziale Verantwortung, die Beziehung zwischen Individuum und Organisation, die Funktion des Topmanagements und der Entscheidungsfindungsprozess, die Aus- und Fortbildung von Managern, die Beziehungen der Sozialpartner sowie die Beziehungen zu der Gemeinschaft und zu den Kunden – und sogar zur Umwelt –, alle, und viele sogar zum ersten Mal, in diesem Buch angesprochen und diskutiert werden. Heutzutage sind wir sogar so weit, dass wir die These dieses Buches, dass »Management« keine spezifische Eigenheit des Wirtschaftsunternehmens ist, sondern vielmehr das spezifische Organ sämtlicher Institutionen der modernen Gesellschaft darstellt, von denen das Unternehmen nur ein – wenn auch höchst sichtbares – Beispiel ist, mühelos akzeptieren. Heute setzt sich die Lehre des »Managements der Institutionen« immer stärker durch, und der »Master in Business Administration« (MBA) wird in zunehmendem Maße als Vorbereitung auf eine Tätigkeit beim Staat, im Krankenhaus, in der Forschung, bei der Gewerkschaft, in Schulen und Universitäten akzeptiert, während er um 1950 herum zunächst mehr als Vorbereitung für eine Berufstätigkeit im Wirtschaftsunternehmen anerkannt wurde. Jetzt, eine Generation später, sind wir endlich bereit, die Prämisse zu akzeptieren, die mich ursprünglich zum Schreiben dieses Buches veranlasste.

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