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Vorwort zur Neuausgabe

Schlüsseljahre rangiert unter meinen 32 Werken schon lange als Lieblingsbuch meiner Leser – und nicht nur in Amerika, sondern auch in so fernen Ländern wie Japan, Thailand und Brasilien. Außerdem ist es auch mein eigenes Lieblingsbuch. Rezensenten haben sich jedoch häufig damit schwer getan. Es kann nicht klassifiziert werden. Es ist definitiv keine Autobiografie. Obwohl alle fünfzehn Kapitel des Buches von einer oder mehreren Personen handeln, ist das Buch auch keine Aneinanderreihung von kurzen Biografien. Die beste Beschreibung ist wahrscheinlich der Untertitel, den der Londoner Verlag für die erste Auflage verwendete: Other People and My Times. Der Erzähler bin ich – und die dreißig Jahre meines Lebens ab den frühen Teenagertagen unmittelbar nach dem Ersten Weltkrieg bis zum Jahrzehnt nach dem Zweiten Weltkrieg bilden die Kette, an der diese Geschichten wie Perlen aufgereiht sind.

Schlüsseljahre ist kein Buch über die Großen und Berühmten, obwohl ich eine Menge von ihnen kannte. Schließlich arbeitete ich viele Jahre lang als Reporter und berichtete über internationale Ereignisse sowie die Finanzwelt. Nur ein einziges Kapitel handelt von einer großen Persönlichkeit: das Kapitel über Sigmund Freud. Von allen Personen, die in dem Buch vorkommen, ist er derjenige – der Einzige –, den ich nicht kannte, dem ich in Wirklichkeit nur ein einziges Mal begegnet bin, und zwar als ich ganze acht Jahre alt war. Mit ein Grund, warum ich nicht über die Großen und Berühmten geschrieben habe, ist die Tatsache, dass ich die meisten von ihnen als furchtbar langweilig empfunden habe. Ist man erst einmal Oberbefehlshaber der Armee oder Dirigent der Philharmonie, hört man auf, Person zu sein. Man wird zur „Persona", das heißt, man ist nicht länger Individuum. Alle Menschen in diesem Buch wurden ausgewählt, weil er oder sie mich als Individuum fasziniert haben. Alle sind reale Personen: vielschichtig, häufig unberechenbar, immer mehrdimensional.

Dieser Glaube an die Vielschichtigkeit, den Reichtum und die Einzigartigkeit jeder Person bildet seit meinem ersten Buch vor mehr als sechzig Jahren die Grundlage aller meiner Schriften. Während der Mehrzahl dieser sechzig Jahre waren Zentralisierung, Uniformität und Konformität vorherrschend. Die totalitären Regimes, in denen sich jeder anpassen, gleich denken, schreiben und malen musste, um zentral kontrolliert zu werden – die Nazis nannten das „gleichgeschaltet" –, waren nur die Spitze einer allgemein verbreiteten Strömung. Diese erfasste auch die Demokratien. Alle meine Bücher und Essays jedoch – gleich ob sie sich mit Politik, Philosophie oder Geschichte, mit sozialer Ordnung und sozialen Institutionen, mit Management, Technologie, Wirtschaft oder Kunst befassen – betonen den Pluralismus und die Vielschichtigkeit.

Die Menschen in Schlüsseljahre wurden allesamt ausgesucht, weil jeder Einzelne auf seine höchst persönliche Weise, die entscheidenden dreißig Jahre vom Ende des Ersten Weltkriegs bis zur ersten Dekade nach dem Zweiten Weltkrieg reflektiert und gebrochen wiedergibt. Diese Jahre sind heute am Anfang des 21. Jahrhunderts genauso weit weg und fremd wie das Rom der Caesaren oder das China der Ming-Dynastie. Sie haben jedoch die Welt, in der wir nun leben, weitgehend geformt.

Ein Historiker kann natürlich die Fakten über die Vergangenheit zusammentragen. Sehr viele Historiker haben das bereits für die Jahre zwischen 1918 und dem Ende der vierziger und fünfziger Jahre versucht – einige davon mit Erfolg. Nur ein großer Romanautor jedoch könnte uns diese Jahre als Gegenwart schenken – so wie das Balzac für das Frankreich des frühen 19. Jahrhunderts getan hat, Dickens für das England Mitte des 19. Jahrhunderts, Mark Twain für das Amerika der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts und Thomas Mann mit seinem Zauberberg für das kontinentale Europa vor 1914.

Ich bin kein Romanschriftsteller – und mit Sicherheit kein großer. Dennoch hat niemand zuvor versucht, was dieses Buch tun möchte: ein Selbstporträt dieser entscheidenden Zwischenkriegsjahre durch ihre menschlichen, emotionalen und geistigen Qualitäten zu liefern. Ich habe die Menschen in diesem Buch ausgesucht, weil sie für mich wichtig waren. Was sie jedoch für mich wichtig machte, war genau die Art und Weise, wie sie ihre Zeit reflektierten und – gebrochen – wiedergaben.

Das letzte Kapitel ist in der Tat ein Versuch, das Gefühl, die Bedeutung, das soziale, psychologische und emotionale Ambiente des Nachsommers der Unschuld, das heißt das letzte Jahr der Ära des New Deal in Amerika vor dem Zweiten Weltkrieg, wieder neu erstehen zu lassen. Ich glaube, dass das eine Periode war, die keine Parallele in der Sozialgeschichte findet in ihrer Mischung aus Depression und Hoffnung, ihrer intellektuellen Gärung, ihrem Nonkonformismus und ihrer Vielschichtigkeit – alles total überwältigend für einen jungen Mann, der von England im Jahre 1937 nach Amerika kam, auf der Flucht vor einem gelähmten, hirntoten Europa, in dem Vorkriegsklischees (das heißt die vor 1914) die einzige Alternative zu Terror, Totalitarismus und Verzweiflung waren. Alle anderen Kapitel sind Geschichten über eine bestimmte Person, höchstens über zwei Personen. Alle wurden, wie bereits gesagt, deswegen ausgewählt, weil sie den Stoff für eine gute Geschichte hergaben. Zusammen genommen, so glaube ich, zeigen sie, dass die Gesellschaft letztendlich aus Individuen und ihren Geschichten besteht.

Peter F. Drucker
Claremont, Kalifornien,
im Jahr 2001

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